Das "Menschsein" bedeutet noch lange nicht --> "menschlich sein" . . .
Von Stefan Weinert
Die Verwendung des Textes ist ausdrücklich erlaubt, aber bitte immer mit Angabe der Quelle (siehe unten). Danke.
-------------------------------------------------------------
Wo sind denn diese Massen von Menschen von Hamburg über Berlin bis München und allen anderen Städten Wochenende für Wochenende gewesen (und nicht nur einmal im Jahr) - in den Jahren 2015 bis 2019, um gegen die virulenten Rassisten der Pegida und AfD zu demonstriere, um zu verhindern, dass sie in die Parlamente einziehen? Nun sitzen sie - wie einst seit 1932/33 bis 45 - in den politischen Gremien - vom Gemeinderat bis hin zum Reichstagsgebäude. --- Und wieso wurde trotz der Morde in Halle und Hanau dennoch damals bundesweit der Karneval nach dem Motto "wir lassen uns das Feiern nicht verbieten" (Spruch aus der Ravensburger Antifaschisten-Szene) proklamiert, statt - wie auch von mir gefordert - gegen "rechts" zu schweigen, heißt: nicht zu feiern, sondern die Trauer still mittragen!? Wo waren sie, als im Jahr 2019 der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von Rassisten ermordet wurde? --- Rassismus in Deutschland, Ungarn, Frankreich, USA und weltweit ist leider keine "Eintagsfliege", sondern so alt und gegenwärtig wie die Menschheit. In der Tat ist das braune Virus "HH33" weitaus gefährlicher und physisch und psychisch tödlicher (1933-45 = über sechs Millionen Tote in den KZ des "Deutschen Reiches"), als einst das Corona-Virus.
Die AfD ist seit ihrem Rechtsruck 2015 die ideologische Nachfolgepartei der NSDAP und generiert mehr und mehr zu einer Gruppe von Faschisten mit braunem Profil!
Für uns - so meine ich - muss die Menschlichkeit immer an erster Stelle stehen, bevor wir über "Deutsche und Türken", "Christen und Muslime", "Hetero- und Homosexuelle", menschengenachte Klimaveränderung und "keine menschengemachte Klimaveränderung", Impfen und Nichtimpfen usw. sprechen. Ansonsten wird aus dem verbindenden "und" - ein "oder" der unüberbrückbaren Gegensätze, mit der Ausnahme, dass es zwischen "Demokrat einerseits" und Faschist andererseits kein "und" geben darf. "Entweder bist du Faschist oder Antifaschist" - so las ich es sehr passend auf Facebook.
In der jiddischen Sprache, eine annähernd tausend Jahre alte Sprache, die von Juden in weiten Teilen Europas gesprochen und geschrieben wurde und von einem Teil ihrer Nachfahren bis heute gesprochen und geschrieben wird, wird das menschliche Handeln eines Menschen mit "a mentsch" beschrieben, und ist ein Ehrentitel und eine Auszeichnung für den, der/die der menschlich = human handelt.
Im Deutschen Grundgesetz (GG) steht bereits in Artikel 1 -- sozusagen als Überschrift: "Die Würde des MENSCHEN ist unantastbar." Da steht eben nicht: ... die Würde des Deutschen, ... des Christen, ... des Heterosexuellen, usw., sondern ganz bewusst "nur" MENSCH - eben zur Klarstellung und Abkehr von der braunen Vergangenheit. Es gibt nur die MENSCHLICHE LEITKULTUR, die sich aus den Grundsätzen der humanistischen Ethik speist. Eine "Deutsche Leitkultur" darf es nie wieder geben . . .
Doch die "deutsche Reaktionsträgheit" machte sich durch die Jahrzehnte bis heute bemerkbar. In vielen deutschen Köpfen ist Hitler immer noch, oder wieder, ein Mythos oder eine Witzfigur, über die man lustige Filme dreht, und dessen Nachkommen (AfD) man und frau mit Slapsticks versieht. Das deutsch - nationale Gedankengut war leider immer vorhanden, und hat sich aber im Kontext der Flüchtlingskrise ab 2015 und der Corona-Pandemie ge-outet.
Eigentlich ein Signal und Menetekel zum Aufwachen! Der Deutsche Staat darf nicht nur ein Instrument für den Wohlstand sein und in administrativer Routine erstarren, was dann wiederum zur politischen Apathie in der Bevölkerung führt, so wie es seit dem Wirtschaftswunder unter Ludwig Erhard Fakt ist, sondern er muss inkludieren, was zu inkludieren ist, aber kompromisslos auch das exkludieren, was zu exkludieren ist, damit unsere Gesellschaft menschlicher, humaner wird.
*) - Es war C.G. Jung (1875 bis 1961), der auf den Widerspruch zwischen dem patriarchalischen (Vater) Ideal der Vollkommenheit und dem matriarchalischen (Mutter) Wunschgedanken der Vollständigkeit hinwies. Die Frage für uns muss immer sein, ob wir in unserem Gesundheits- und Sozialsystem mit den nach Hilfe suchenden Menschen nur nach „Recht und Ordnung“, also mit „väterlicher“ Strenge verfahren, oder ob es auch noch Raum und Geld für Verständnis, Interesse und „mütterliche“ Güte gibt.
Es sollte daher in erster Linie dem Hilfe Suchenden gegenüber nicht heißen, „Mit welchen Gesetzen stimmst du überein, gegen welche Verordnungen hast du verstoßen, und wie passt du überhaupt in den Kontext (Ziel und Zweck) unseres Systems?“ Sondern die ersten Fragen diesem Mitmenschen gegenüber sollten sein: „Was bist du für ein Mensch? Was geht in dir vor sich? Woran leidest du am meisten? Warum, weshalb und wodurch bis du so geworden, wie du heute bist?“
Es darf eben nicht nur darum gehen, ob sich der Mensch für unsere Gesellschaft rechnet, sondern ob die Gesellschaft auf den momentan im Abseits stehenden Menschen zählt. Fakt und Realität ist, dass wir in einer Welt leben, in der der Mensch mehr und mehr als „Anwendungsfall für Gesetze“ (Drewermann) reduziert wird, als Verschiebematerial für Manager fungiert, oder einfach nur noch als Objekt der Begierde der Geschäftswelt gesehen wird. Die Natur kennt keine Gnade vor dem Individuum. In ihr überlebt nur der/das „Fitteste“ und vor allem der/das Angepasste (Darwin).
Genauso aber ist es in unserer modernen Gesellschaft, weil wir leider vermehrt vergessen haben und/oder ausblenden, dass wir als Menschen (homo sapiens sapiens) nicht zur Fauna und Flora gehören, die kein „Gewissen“ kennen, sondern nur von „Überlebensinstinkten“ gelenkt werden. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will,“ hatte einst Albert Schweizer (1875 bis 1965) gesagt – und er hat „vorgelebt“, wie das für jeden Menschen möglich sein kann.
Es gibt beim MENSCHEN im Gegensatz zu unseren animalischen Zeitgenossen, keine "Schwarmintelligenz", wie sie gerade die "Basis" postuliert. Der Mensch, jeder Mensch, ist ein individuell begabtes Individuum, das seine Stärken und Begabungen in das Funktionieren der Gesellschaft einbringt, sich aber da helfend und unterstützend und solidarisch einbringt, wo der Einzelne und Teile der Gesellschaft kranken, hilflos sind und Schutz bedürfen. Hier hat Darwin nichts zu suchen. Es gibt und es darf ihn nie geben, den sozialen Darwinismus, wie ihn die Germanen und Arier vor 100 Jahren anfingen zu postulieren und ihn bis zum millionenfachen Mord praktizierten.
Von daher wäre es wünschenswert, wenn in all den Arbeitsfeldern, wo es um den direkten und helfenden Kontakt zum und mit dem Menschen geht – Arzt, Pfleger, Lehrer, Pfarrer, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Jobcenter, Krankenkasse, rechtlicher Betreuer, Therapeut - diese Philosophie, dieses Menschenbild eine Selbstverständlichkeit ist. Nun mag der eine oder andere behaupten, das Dinge wie emotionale und soziale Kompetenz und Intelligenz, sprich Emphathie (die weit über die Sympathie hinausgeht) aufgrund der eigenen Vita und damit dem eigenen „Inner working model“ nicht jedem gegeben sind. Denn gerade diese Dinge sind die Prämissen für dieses Menschenbild. Diese Annahme ist ernst zu nehmen und zunächst einmal auch zutreffend.
Vom „inner working model" spricht man in Bezug auf die individuellen frühen Bindungserfahrungen und die daraus abgeleiteten Erwartungen, die ein Kind und später der Erwachsene gegenüber menschlichen Beziehungen hegt. Sie dienen dazu, das Verhalten der Bindungsperson zu interpretieren. Nach der Entwicklung im ersten Lebensjahr gegenüber der Mutter, wird das "inner working model" zunehmend stabiler und entwickelt sich letztlich zu einem Bindungsschema. Wesentlich ist, zu bedenken, dass die sich entwickelnden Bindungstypen aus der Eltern-Kind-Beziehung hervorgehen und somit auch später eine zwischenmenschliche Qualität spiegeln, in die das Verhalten beider Seiten einfließt. Dabei ist für die spätere Bindungsqualität die Feinfühligkeit (= der Situation angemessenes umgehendes Reagieren) entscheidend.
Das „inner working model“ ist nicht unbedingt als Spiegelbild des Temperaments oder Charakters des Einzelnen zu sehen, sondern primär als Ausdruck der in der Vergangenheit erlebten zwischenmenschlichen wechselseitigen Verhaltens des „Ich“ und den Bezugspersonen, und überhaupt für jede Art der Wechselwirkung oder wechselseitigen Bedingtheit im sozialen Kontext. Das „inner working model“ eines Menschen ist nicht von vornherein für alle Zeiten determiniert (festgelegt), sondern kann sich im Laufe der persönlichen Vita – wenn man denn lernbereit und kritikfähig ist und sich nicht nur mit „Seinesgleichen“ umgibt – verändern. Wichtig dabei ist, dass der Einzelne die Herausforderungen des Lebens annimmt und /oder diese gerade auch sucht.
Unser Gesellschafts- und Sozialsystem kennt viele helfende Einrichtungen, durch die dem Hilfe Suchenden zwar formell und meist auch nur punktuell die ihm zustehende Unterstützung gegeben wird und auch aus rechtlichen Gründen gegeben werden muss (siehe die eigenen Grundrechte und die des anderen, auf die Rücksicht zu nehmen ist). Doch das wirkliche Interesse an der Person, die hinter dem Problem steht, fehlt meist oder darf aus Zeitgründen oder Gründen der „Unternehmens/Behörden-Philosophie“ keine Rolle spielen. Die Gleichgültigkeit in mancher Amtsstube ist groß und es gibt Mitarbeiter*innen in Einrichtungen, die ihr Klientel unsensibel abspeisen, ihr nicht richtig zuhören und deshalb auch unangemessen handeln. Abgesehen davon, wird überwiegend separiert gearbeitet, so dass die eine Stelle – selbst im eigenen Haus – nicht weiß, was die andere in Bezug auf ein und denselben Klienten getan hat, bzw. gedenkt zu tun.
Zu diesem Thema passend, sagte einst Sigmund Freud, „dass die Gesellschaft dem Menschen von Außen Regeln aufzwingen musste, um die Wogen des Gefühlsüberschwanges zu bändigen, die Innen allzu ungehemmt aufwallen.“ Und in der Tat, wer Gefühle zulässt, sie auf sich wirken lässt, sie erwidert oder gar in seine Entscheidungen mit einbezieht, kann natürlich nicht mehr sachlich und nach (vor allem deutschen) Recht und Ordnung entscheiden.
Mag sich auch unser Erdklima für alle spürbar erwärmen und mögen die Polarkappen mehr und mehr abschmelzen – in unserer „sozialen“ Gesellschaft gehen wir einer Eiszeit entgegen. Ich rede von der Kälte und Lieblosigkeit, mit denen so mancher Hilfe Suchende in den Büros (Lesen, Schreiben, Rechnen) und Wartezonen bedacht wird, wo er nur als Objekt, Kostenfaktor, Nummer und Fall behandelt wird, nicht aber als Subjekt, das leidet, fühlt, hofft, Wünsche und Bedürfnisse hat und in dem einmalige Möglichkeiten liegen, wenn sie denn nur wach gerufen würden. Der Mond, der Erdtrabant, der sich vor Milliarden von Jahren von ihr abgelöst hat, und sich jährlich weiterhin um exakt 3,8 Zentimeter von ihr, dem noch blauen Planeten entfernt, führt uns Monat für Monat, Jahr für Jahr vor Augen, worauf die Erde zusteuert: auf etwas Totes, Kaltes und Lebloses. Und das gilt nicht nur zeitgeschichtlich und astronomisch gerechnet in Lichtjahren, sondern auch im übertragenen Sinne gesellschaftlich, gerechnet in Dekaden und Äonen.
*) - (Aus: „Handbuch Case Management - ein Plädoyer für das perspektivische Case Management“, Stefan Weinert, 2009 © - aktualisiert)