Von Lügen und Halbwahrheiten
Unvollständige Wahrheiten oder Halbwahrheiten sind die bekannteste Strategie, die wir fast in jedem Lebensbereich antreffen, besonders in der Politik. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie erschütternd es ist, festzustellen, dass man von anderen belogen worden ist. Von Kindesbeinen an wurde uns beigebracht, immer die Wahrheit (griech. = das Unverborgene) zu sagen, also das, was wir tatsächlich gesagt, getan und gehört haben (wobei die Katholische Kirche noch einen Schritt weiter geht, in dem sie fordert: ... und was wir gedacht haben). Und wir tun es anfangs auch.
Doch nach und nach - so zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr - fällt uns auf, dass es für uns Vorteile haben kann, wenn wir zur Lüge greifen, oder besser noch, wenn wir nur die "Hälfte" der Wahrheit preisgeben. Denn die reine und direkte Lüge - auch das haben wir erfahren - hat langfristig verheerende Folgen für uns. Mit jenen Halbwahrheiten aber versuchen wir, die negativen Konsequenzen einer ganzen Lüge zu vermeiden.
Wenn man die ersten Seiten des Buches über "Die Entwicklung des Individuums Mensch und der Menschheit selbst" - genannt auch "Die Bibel" - psychoanalytisch liest und versteht, findet man genau das wieder. Vor allem in den Kapiteln 1 - 11 der Genesis (1. Buch Moses). Denn das, was dort zu lesen und vor cirka 2.700 Jahren aufgeschrieben worden ist, hat nichts mit "Frömmeln, Weihrauch, Kreationismus und Grimms Märchen" zu tun, sondern es ist leider die "nackte" Wahrheit, die uns dann auch zur dann bekleideten "Halbwahrheit" führt.
Die Mythologie (Mythos) erzählt folgende uns sehr bekannte Begebenheit. Adam (hebräisch = Mensch) und Eva (= Mutter der Lebenden) sind nackt, sie haben voreinander nichts zu verbergen, zu vertuschen und zu verheimlichen. Tiefstes Vertrauen, ungebremste Liebe. Eben das Paradies. Sie haben die absolute Freiheit in allen Dingen - bis auf den einen Punkt: Gott (in der Entwicklungsgeschichte des Individuums Mensch = die Mutter) hat verboten, vom Baum der "Erkenntnis über Gut und Böse" zu essen, denn sonst würden sie sterben. Das stellt sich später tatsächlich als "wahr" gesprochen heraus, nur unterschlägt selbst "Gott" den anderen Teil einer "Wahrheit", den wiederum später die "Schlange" als ihre Halbwahrheit präsentiert. Sie sagt nämlich zu Eva: Auf keinen Fall werdet ihr sterben. Und Gott hat euch etwas Wesentliches verheimlicht. Wenn ihr nämlich von den Früchten dieses Baumes (orale Phase) esst, werdet ihr selbst wie Gott sein, indem ihr nämlich erkennen könnt, was gut und was böse ist (was bisher nicht der Fall war!).
So sein wie Gott! Unantastbar! Allmächtig! Unsterblich! Schöpfer und Vernichter! Ein Traum des Homo Sapiens seit der Antike und oft von ihm propagiert. Am Schluss dieser Erzählung bestätigt "Gott" übrigens, dass der Mensch "einer von uns (Plural) geworden ist". Und bevor jetzt der Mensch auch noch vom "Baum des ewigen Lebens" (den gab es nämlich dort gleich nebenan) isst und auf ewig Gott gleich sein wird (auch das hat er verschwiegen), schmeißt Gott den Menschen für immer und ewig aus dem "Garten Eden." In der Entwicklung des individuellen Menschen (Ontogenese), ist dies die Loslösung von der Mutter (Ende der Dyade und Symbiose) und der Beginn der Phase hin zum eigenständigen und eigenverantwortlichen Leben als Individuum.
Erst jetzt kommt Gott mit der ganzen Wahrheit heraus. Das mag' für den gläubigen Christen zwar eine blasphemische Behauptung sein, dass nämlich der Gott der Bibel mit Halbwahrheiten arbeitet um sich damit die Konkurrenz vom Leibe zu halten - und auch ich bin darüber erschrocken und etwas irritiert - aber so steht es nun mal geschrieben. Mit dieser allerdings wahren (im Sinne der Ontogenese) Berichterstattung beginnt übrigens die "Schuldgeschichte" des Menschen, von der seit nun 2.000 Jahren die Kirchen profitieren, mit ihr Geschäfte machen, Reichtümer anhäufen und von ihr leben. Geschäftsmodell "Schuld".
Die Vertreibung aus dem Paradies, die für das eigene Leben absolut notwendige Loslösung von der Mutter und das Schuldempfinden des Menschen (seine Entstehung), sind untrennbar eins. Wer es nicht schafft, sich von der Mutter zu lösen und mit 30 Jahren immer noch den Wunsch hat, als Embryo in die Mutter zurückzukehren, gilt in unserer Gesellschaft als psychisch krank. Die Ursache dafür aber liegt weniger an dem Kind selbst, sondern an dessen Mutter, die ihr Kind nie losgelassen und stattdessen mit Fürsorge und "Überliebe" überschüttet hat. Die Folgen sind und/oder können sein: Psychosen, Depressionen und Manien, Angst- und Essstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen und auch Drogen- und Alkoholsucht.
Es ist also ein unbedingtes "Muss", sich von der Mutter (vor allem emotional) zu lösen. Biblisch gesprochen: Das Essen von dem verbotenen Baum und die anschließende Vertreibung durch Gott (Mutter) aus dem behüteten Garten (Symbiose und Dyade mit der Mutter, das Stillen an der Brust) müssen sich im Leben eines jeden Menschen vollziehen, damit er psychisch gesund und eigenständig sein eigenes Leben leben kann. Eben sich zu einem Individuum entwickeln kann. Das heißt aber auch, dass die "Schlange", die wie alle anderen Tiere ein Geschöpf Gottes ist, im Leben eines jeden Menschen vorkommen muss.
Bibeltreue Christen behaupten, das "Böse" sei durch Adams und Evas "Sündenfall" in diese Welt gekommen und laste seit dem auf uns allen. Doch auch das ist eine Halbwahrheit. Wie wir nämlich sehen, ist das von Gott geschaffene = zugelassene "Böse" bereits existent, bevor Eva von der verbotenen Frucht isst. Ontologisch gesprochen: In jedem von uns lauert das "Böse" seit unserer Zeugung in der Mutter, nämlich der Wunsch, irgendwann ein eigenständiges und selbst verantwortetes Leben führen zu können.
Psychologisch gesprochen: Auch das "Böse" gehört untrennbar zum Leben des einzelnen Menschen (Ontogenese) und der gesamten Menschheit (Phylogenese). Nur wer diesen Fakt akzeptiert, sich mit ihm auseinandersetzt und stehen bleibt, sich umdreht, und den Stier, der ihn verfolgt, küsst, anstatt zeitlebens vor ihm zu fliehen, wird "von dem Bösen erlöst." Insofern haben die Kirchen Recht (die andere Seite der Halbwahrheit), dass es die "Erbsünde" gibt. Allerdings aber im Sinne des "Urbösen", ohne dass ein Mensch sein nicht denkbar ist.
Als Martin Luther vor 500 Jahren auf der Wartburg dabei war, das Alte und das Neue Testament in die Sprache des Volkes zu übersetzen, hat er das griechische Wort "hamartia" = "Zielverfehlung", mit dem im Volk mehr geläufigen Wort "Sund" (woraus dann "Sünde" wurde, vgl. englisch: sin) übersetzt. Der "Sund" ist eine Meerenge zwischen Insel und Festland, der beide voneinander trennt, so wie eben Gott und Mensch voneinander getrennt sind, wenn das Ziel verfehlt wird. Das altnordische Wort "sundr" = "trennen", das Luther und vielleicht auch das Volk gekannt haben, könnte ebenfalls Grund für diese Wortwahl in der Bibel bis heute (!) sein.
Es ist aber Gott, der etwas wieder gut zu machen hat. Es ist sein Verfehlen, dass das Böse [das sich schuldig fühlen, die Möglichkeit, Böses zu tun] Macht über den Menschen bekommen kann. Denn wer sich schuldig fühlt, tut Böses, denn er ist ja böse, sonst würde er sich nicht schuldig fühlen.
Das soll nun keineswegs heißen, dass die Untaten des Menschen, angefangen bei dir und mir, bis hin zu Stalin und Hitler, "Gott" (Erziehung, Prägung, Vita, die anderen) zu zu schieben seien. Nein, dafür muss sich jeder letztlich selbst verantworten. Dafür sind wir nun mal Homo sapiens, mit der Möglichkeit der freien Entscheidung - und keine animalischen Wesen, die Instinkt gesteuert sind, und nicht anders können. Doch was ich sagen will, ist: In jedem von uns wohnt ein kleiner "Hitler". Aber in jedem von uns wohnt auch ein "Mahatma Gandhi" ...
Ich weiß, ich bin ein Ketzer, aber lieber dies, als mir als "Geschöpf mit unendlichen Möglichkeiten" meine eigenen Gedanken selbst zu verbieten, oder von anderen verbieten zu lassen. Ja, wir können böse sein, schuldig werden, uns schuldig fühlen - und es lässt sich nicht mehr rückgängig machen, egal, wer daran schuld ist und war; es sei denn, "Gott" vernichtet uns alle, und lässt diesmal keinen "Noah" (der auch im Koran erwähnt wird) überleben. Die Bibel meint, dass Gott die Geschichte durch Jesus von Nazareth umgekehrt hat: Damals bei der "Sintflut" überlebte Einer (Noah) und der Rest der Menschheit starb. Jetzt überlebt die Menschheit, weil "Einer" starb. Und dieser "Eine" muss bis heute immer wieder sterben: Es ist unser Ego!
Doch zurück zu den "Lügen und Halbwahrheiten." Welchen Anteil an ihnen hat hier die Schlange? Zunächst einmal - und dazu müssen wir zwei Schritte zurückgehen - serviert sie dem Menschen (hier: Eva) zwei deftige und direkte Lügen. Zum einen behauptet sie durch eine fiese Fangfrage, Gott habe dem Menschen verboten, von allen Bäumen des Gartens zu essen, was Eva verneint (und sie verteidigt Gott) und schon ist "man/frau" auf den Baum fokussiert, um den es eigentlich geht. Hinterlistiger und fieser geht es nicht.
Die zweite glatte Lüge ist: Ihr werdet nicht sterben, sondern das hat Gott sich nur ausgedacht, um euch auf Distanz zu halten. Und tatsächlich: Eva isst - und lebt weiter. Adam - vom Weibe verführt (in dieser Erzählung geht es auch um Sex), isst und lebt. Doch was die Schlange verschwiegen hat, sind diese zwei Dinge.
Zum einen wird sich der Mensch darüber bewusst, dass er nackt (hebräisch = dieselbe Wurzel wie beim Wort "listig") und damit schuldig ist (Feigenblatt). Das sind das Ende von tiefem Vertrauen und bedingungsloser Liebe und der Beginn von Verschleierungen und Verheimlichungen zwischen den Menschen. Das hat die Schlange auch gewusst, aber verschwiegen. Zum anderen aber stirbt (muss sterben) der Mensch nun tatsächlich, wenn auch "nur" auf Raten. Indem ihn Gott hinaus in die schutzlose Welt "jenseits von Eden" vertreibt, in der andere Bedingungen vorherrschen, als im Paradies (persisch = geschützter Garten). Immerhin versorgt Gott die Menschen mit einem Fell (dazu müssen allerdings auch Tiere sterben). Und richtig. Adam wird nach 130 Jahren eines "natürlichen Todes'' sterben, Eva ebenso, Kain tötet seinen Bruder und schließlich tötet Gott selbst die gesamte Menschheit bis auf die wenigen "Boatpeople" um Noah herum.
Ich möchte diesen Essay mit einem weisen Satz abschließen, den ich vor ungefähr 30 Jahren gelesen habe und der mich seitdem begleitet. Ob ich mich immer an ihn gehalten habe, wage ich zu bezweifeln.
WAHRHEIT OHNE LIEBE, IST WIE EINE NADEL OHNE FADEN - SIE STICHT, ABER SIE VERBINDET NICHT!